Themenabend zum Waschbären am 1.11.2013

Ursprünglich war der Waschbär nur in Nord- und Mittelamerika beheimatet. 1934 wurden vier Vertreter dieses Kleinbären am hessischen Edersee mit der Absicht ausgewildert, die hiesige Fauna um ein attraktives Jagdwild zu bereichern. Einige Waschbären flüchteten zudem 1945 aus einem Wildgehege in Brandenburg. Im Wesentlichen von diesen wenigen Tieren ausgehend, hat sich der Waschbär innerhalb von wenigen Jahrzehnten über große Teile Deutschlands ausgebreitet. Wird heute in den Medien über Waschbären berichtet, werden sie meistens als Schädlinge und als Plage bezeichnet, die mit allen jagdlich verfügbaren Mitteln bekämpft werden müssen. Meistens wird dabei behauptet, dass der Waschbär massiv die Bestände der Kleinvögel, Kleinsäuger, Amphibien und Reptilien dezimieren würde und somit eine Hauptverantwortung für den Rückgang dieser Arten trägt. Bisher gibt es aber noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, welche tatsächlich einen solchen negativen Einfluss des Waschbären auf unsere Ökosysteme aufzeigen.

Waschbär
Bild von Arne Willenberg

Bei unserem Vortrags- und Diskussionsabend wollten wir der Wahrheit näher kommen. Deshalb luden wir die Diplombiologin Anett Engelmann als Referentin ein. Frau Engelmann hat sich im Rahmen der Waschbärenforschung im Müritz-Nationalpark (Projekt Waschbär) wissenschaftlich mit der Nahrungsökologie des Kleinbären beschäftigt.

Frau Engelmann stellte uns in ihrem Vortrag die Methodik und die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit vor. Letztere waren besonders interessant, konnten sie doch Anhaltspunkte dafür geben, ob der Waschbär wirklich so einen schädlichen Einfluss auf die Fauna hat, wie sehr oft behauptet wird. Laut Frau Engelmann ist der Waschbär eher ein Sammler als ein Jäger, was sich in seiner Nahrung wiederspiegelt. Der Waschbär zeigt eine omnivore Lebensweise, der eine Vielzahl von Nahrungsobjekten je nach Jahreszeit und lokalen Gegebenheiten nutzt. Die Forschung zeigt, dass vor allem die Ressourcen gefressen wurden, die in großer Zahl vorhanden sind. Im Müritz-Nationalpark bestand pro Jahr 43,7% der aufgenommenen Biomasse aus Wirbellosen, 41,3% aus Pflanzen und 15% aus Wirbeltieren. Wirbeltiere wurden vor allem im Frühjahr und Sommer gefressen, wobei es sich vor allem um die zu diesen Jahreszeiten reichlich verfügbaren Amphibien (Grasfrosch, Moorfrosch, Erdkröte) handelte. Im Herbst und Winter spielten Wirbeltiere kaum eine Rolle als Nahrung. Und nur als Ausnahme wurden Kleinvögel als Nahrung genutzt.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass von Seiten des Naturschutzes doch viel entspannter die Anwesenheit des Waschbären gesehen werden kann. Es ist generell fraglich, ob der Waschbär überhaupt die Kriterien einer invasiven Art erfüllt. Somit ist auch die intensive Waschbären-Jagd, die in der praktischen Ausführung ethisch und moralisch ohnehin sehr bedenklich ist, kritisch in Frage zu stellen!

Um solche Dinge konstruktiv zu diskutieren, wurden zu diesem Themenabend auch die beiden Kreisjägerschaften des Landkreises Eichsfeld eingeladen. Leider war aber nur ein junger Jäger anwesend.

Nicht der Waschbär ist schuld daran, dass Kleinvögel, Amphibien und Reptilien in unserer Kulturlandschaft immer seltener werden sondern allein die intensive Landnutzung und der Flächenverbrauch durch uns Menschen. Sinnvoller als die Jagd auf den Neubürger ist es, alles zu tun, um die Populationen seiner potenziellen Beutetiere zu stärken. Das heißt konkret, für Strukturvielfalt in der Kulturlandschaft zu sorgen, mit Hecken, artenreichen und großzügigen Staudenfluren an den Feldrändern, Brachflächen, Feucht- und Nasswiesen, natürlichen Fließgewässerstrukturen, ausreichend Laichgewässer und einer drastischen Reduzierung der Verkehrsopfer während der Amphibienwanderungen durch geeignete Einrichtungen.

Arne Willenberg